Den Staub von der Seele waschen

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Den Staub von der Seele waschen

Den Staub von der Seele waschen

Links der Karton mit den neuen Schuhen, rechts der Korb mit Mehl und Milch aus dem Supermarkt. Und in der Mitte das Kind mit dem Eis in der Hand. So würde kein Mensch in eine Galerie gehen, um sich der Kunst zu nähern. In der Ladenstraße ist aber genau das bis zum 30. März tagtäglich zu beobachten. Viele finden das unpassend, ich finde das mutig. Einige nennen das Zeitgeist, andere hirnlos. Ich halte es da mit dem Erfinder der „Allee-Center-ART“, Patrizio Medagli, der es mal als „die leichteste Art, der Kunst zu begegnen“ umschrieb. Freilich lässt sich das jetzt schön sagen. Jetzt, nachdem die Kunstausstellung im Allee-Center schon zum sechsten Mal stattfindet, und alle schon irgendwie mitgekriegt haben, dass das ganz gut läuft zwischen den Schnell-Shoppern und den Kunst-Guckern.

Läuft ganz gut

Ja, 2014, da war das noch ganz anders. Da rümpfte so mancher die Nase, als das Allee-Center plötzlich zwischen den neuesten Handys, den schrillsten Dessous und den Auslagen für Turnschuhe und Waschmittel erstmals Gemälde und Skulpturen (aus)stellte. Nicht wenige Künstler weigerten sich sogar ganz, im Shopping-Tempel auch nur eine einzige Skizze auszustellen. Und selbst Magdeburgs Stadtmanager Georg Bandarau, hochoffiziell einer der Förderer der ersten Stunde, sah es damals skeptisch: „Ich glaubte nicht an einen Erfolg, aber ich fand den  Versuch spannend.“

Mutig, mutig

Ich halte die beiden Initiatoren um Ausstellungsmacher, Patrizio Medagli und Centermanagerin Margaret Stange-Gläsener, deshalb für mutige Wegbereiter, ohne große Aussicht auf einen Erfolg bei den Massen zunächst der Minderheit eine Brücke in eine ganz andere, eine ungewohnte Welt, zu bauen. Mag sein, dass das Basement wegen seiner Lage als „beruhigte Zone“ dazu beigetragen hat, dass sich von Jahr zu Jahr mehr Besucher entspannt anschauen, was die Kreativsten der Region gemalt, gestaltet oder fotografiert haben. Und sei es auch nur, um die Verkaufspreise der Kunstwerke mit dem eigenen Budget und die von einer Fachjury erkorenen Preisträger mit dem eigenen Geschmack abzugleichen. Oder um mit seiner Stimme über den Publikumspreis mitzuentscheiden.

„So hier nicht erwartet"

Kunst im „Kaufhaus“ – das passt zumindest für Magdeburg gut. Das bestätigen selbst die Juroren, die jedes Jahr neu hinzukommen. Magdeburgs Puppentheaterintendant Michael Kempchen gehört zu denen, die „total begeistert von der künstlerischen Qualität“ sind, die sie „so hier so nicht erwartet hätten“. Denn inzwischen müssen die Initiatoren den Künstlern nicht mehr nachtelefonieren, sie melden sich zuhauf von selbst. Das hat zweifelsfrei damit zu tun, dass rund 70 Prozent aller Ausstellungsstücke gleich verkauft werden (zu erkennen an mit roten Punkten gekennzeichneten Kunstwerken, die den Verkauf markieren) und das sich die ausgelobten Preise auf den Vitas der Akteure sehr gut machen.

Macht sich gut auf der Vita

In diesem Jahr darf sich zum Beispiel Sabine Kunz (www.kunz-art.de) über den mit 1.000 Euro dotierten „Kunstpreis der Stadtsparkasse Magdeburg“ freuen. Die kraftvolle Malerei der Zwickauerin, Jahrgang 1962, hat es der Jury besonders angetan: „Sabine Kunz verblüfft den Betrachter mit kreativ spielerischen Formen und Farben, die sich überraschend harmonisch verbinden.“ Sie selbst sagt: „Meine Malerei entsteht aus der Anschauung. Gesehenes bringe ich ganz spontan in eine malerische Form, in der die dynamische, ungehinderte Kraft für mich zählt.“

Hanna Sass erhält Premieren-Preis

Hanna Sass (www.hanna-sass.com) ist die Gewinnerin des mit 1.500 Euro erstmals ausgelobten „OttostadtMagdeburgPreises“. Die Berliner Autodidaktin reiste um die Welt, erlernte das Tischlerhandwerk, studierte Kunst in Halle, heuerte für ein halbes Jahr als Matrosin an, gewann ein gutes Dutzend Kunstpreise. Auch die Magdeburger begeistert sie mit ihren Radierungen, die in einem sehr aufwendigen Druckverfahren finalisiert werden. Laudator Georg Bandarau: „Wer sich auf diese Kunst einlässt, dem öffnet sich das Herz und weitet die Seele.“

Theaterintendant Michael Kempchen gibt zu, dass auf ihn die Kunst von Benjamin Kerwien (www.benjamin-kerwien.de) „ein wenig verstörend wirkt“: „Diese Stille, Einsamkeit und Fremde der Bilder zeigen verloren wirkende Menschen.“ Doch dann, die Erleuchtung, die in der Frage gipfelt: „Oder ist es nicht doch eher ein Spiegel, der uns von Benjamin Kerwien vorgehalten wird?“ Die überraschenden Perspektiven, die Detailverliebtheit und das feine Gespür für Ironie hätten dazu geführt, dass Benjamin Kerwien denmit 2.000 Euro dotierten „Preis des Allee-Center Magdeburg“ bekommt.

Bleibt noch der Publikumspreis, den wir an dieser Stelle am Ende der Ausstellung nachtragen.

Kommen Sie duschen

„Kunst ist dazu da, den Staub des Alltags von der Seele zu waschen.“ Wer es mit diesem Zitat von Pablo Neruda hält, der ist herzlich zur Seelen-Dusche im Allee-Center eingeladen. Noch bis zum 30. März ist es möglich.