Unglaublich. Aber wahr.

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Unglaublich. Aber wahr.

Der Riese ist erwacht

Ich war 12, als Blau-Weiß seine erste Meisterschaft holte. Da entflammte sie, die längste Liebe meines Lebens. Mit Akribie schnitt ich damals jeden Artikel aus der Zeitung aus und klebte sie in Alben. Saison für Saison. Ich kannte die Details der Spiele und die Tabelle der DDR-Oberliga besser als die Formelliste in Physik oder den aktuellen Mathe-Stoff. Auf dem Bolzplatz war ich am liebsten Pommerenke. Beckenbauer, Breitner, Müller – die waren mir egal. Wir hier in Magdeburg, wir hatten ja Tyll, Sparwasser, Seguin und später sogar einen Hoffmann. Meine Alben stapelten sich. 1973 hörte ich heimlich unter der Bettdecke Heinz-Florion Oertel zu, der mich in meinem „Micki“-Radio mit nach Breda, Ostrava und Sagora nahm. Ich bettelte meine Eltern an, dass ich das Rückspiel im Halbfinale gegen Sporting Lissabon live im Ernst-Grube-Stadion verfolgen durfte. Ich durfte und stand mit meinem besten Freund Lutz Wendland zwischen all den Großen im Ernst-Grube-Stadion und musste 90 Minuten auf Zehnspitzen stehen, um überhaupt etwas zu sehen. Am 8. Mai 1974, der Tag des großen Finales gegen den AC Mailand, begann meine Manie des Fingernägelknabberns. Dem Club sei Dank, dass ich bis heute kaum eine Nagelschere brauche. Mein Vater kaufte extra noch für 3.600 Ost-Mark den neusten Farbfernseher; ein Gerät namens „Color 21“. Eine Minute vor Anpfiff brachte er das Ding zum Laufen. Ich war 14 und dieser Abend hat sich in meine Erinnerung eingebrannt. Am Tag danach bekamen wir schulfrei, um unsere Helden auf dem Alten Markt zu feiern. Meine Mutter musste mir noch in der Nacht eine blau-weiße Fahne nähen.

Bayern 1974

Ich sammelte Wimpel und Poster, nach wie vor jeden Zeitungsartikel und die „fuwo“ (die „Fußballwoche“ erschien jeden Dienstag). Der Europacupsieg und die zweite Meisterschaft, das legendäre Spiel gegen die Bayern, als wir 1974 in München schon 2:0 führten. Unvergessen und der Anfang einer Lebensliebe. Seinen Verein wechselt man zeitlebens nicht; egal, wie gut oder schlecht es ihm geht. Und die schlechteren Zeiten kamen ja erst. Nach jedem Spiel die Frage „Mal sehen, was die Zeitung Montag schreibt?“ Damals waren die Sportredakteure der Volksstimme Instanzen und von hier; was sie drucken ließen, war Gesetz. Namen wie Dieter Psoch, Rudi Hartwig, Günter Honig oder Hans Malli kannte jeder Fußballfan im Bezirk. Für mich war es der Auslöser für meinen Berufswunsch, den ich mir mit Geduld und Beharrlichkeit auch erfüllte. Nur führte mein Weg nie in eine Sportredaktion. Ich fand im Lokalen mein Metier. Aber das war Jahre später.

1983 - der letzte FDGB-Pokalsieg

Erst gibt es noch den 4. Juni 1983 – ein Tag für die Ewigkeit. 25.000 Magdeburger im Stadion der Weltjugend in Berlin – bis heute Vereinsrekord bei Auswärtsspielen. Pokalfinale gegen den FC Karl-Marx-Stadt. 4:0 für uns. Ein heißer Tag; nicht nur im Stadion. Ich bin 23 und nebenbei DJ. Für meine Legenden darf ich auf der Siegesfeier im Speiseraum des MAW auflegen. Also muss ich schnell von Berlin im Trabi nach Hause eiern. Die Eile ist völlig umsonst, denn die frischgebackenen FDGB-Pokalsieger trudeln erst nach Mitternacht ein. Unvergessen, wie Dirk Stahmann ziemlich überm Berg über meine Box fällt und das Bier reinlaufen lässt ...

Dann die Wende im Land und der sportliche Absturz des städtischen Fußballvereins. 25 Jahre lang Hoffnung vor jeder Saison. Und 25 Jahre lang immer wieder Enttäuschungen gegen Ende einer Saison. Jahrein, jahraus. Lästereien meiner handballverliebten Frau, wenn wir gegen Meuselwitz die Hucke voll bekommen: „Wo liegt denn eigentlich dieses Meuselwitz?“ Der Tiefpunkt 2002. Insolvenz, Zwangsabstieg und nun kaum noch Hoffnung. Doch wer liebt, der glaubt. Eben doch. Einmal immer. Wir spenden Geld und helfen ein bisschen, den Verein wieder auf die Füße zu bekommen. Mit dem Bau des neuen Stadions und einem Mann auf dem Präsidentenstuhl, der kein Schaumschläger war, keimt erstmals so etwas wie richtige Hoffnung auf. Zuversicht nach den Schmidts und Ulrichs, den Vogels und Sandhowes dieser Welt.

Meuselwitz als Angstgegner

Doch zunächst geht es zwischen 2005 und 2007 zum Fußballgucken ins Germerstadion; oft mit nicht einmal 3.000 Getreuen. 2006 endlich ein Aufstieg – von der Oberliga in die Regionalliga. Geht’s jetzt nach oben? 2007 unter der Magdeburger Legende Dirk Heyne sieht es lange danach aus. Drei Matchbälle für einen Aufstieg in Liga 2. Alle drei vergeben! Und selbst das 1:1 am letzten Spieltag gegen St. Pauli reicht nicht; der Vfl Osnabrück zieht in letzter Sekunde am Club vorbei. Es ist die Zeit, als ich sage: „Sparwasser wünscht sich auf seinem Grabstein nur eine Zahl – 1974.“ Ich hatte mich damit abgefunden, zu Lebzeiten wohl keinen Profifußball mehr in Magdeburg zu sehen. Es hätte genügt, auf dem Grabstein zu schreiben „1974 - wir haben es noch erlebt!“

Sch... am Fuß

2008 hätte der 10. Platz genügt, um in die neue 3. Liga aufzusteigen. Auch das klappt nicht – am letzten Spieltag muss Blau-Weiß Eintracht Braunschweig noch vorbeiziehen lassen. Wegen des besseren Torverhältnisses. „Das kann doch nicht wahr sein!“ titelt die BILD. Die Seite hing bis gestern gerahmt an meiner Bürowand. Magdeburg am Boden zerstört – kaum noch Hoffnung, dass diese ewige „Sch... am Fuß“ mal abfallen würde. Doch sie fällt ab. Mit Mario Kallnik und Peter Fechner, vor allem aber mit Jens Härtel und Beck-Türpitz-Schwede-Hamann-Glinker-Butzen-Niemeyer. 2015 die legendären Spiele gegen Offenbach. Das Hinspiel (1:0) das wohl stimmungsvollste Spiel meines Lebens als Clubfan. An diesem Abend wird mir klar, das der schlafende Riese erwacht. Eine unglaubliche Stimmung, das Magdeburger Lied aus 20.000 Kehlen und gestandene Männer mit Tränen in den Augen. Mehr geht nicht? Doch!

Dieses Jahr, diese Saison, dieses Spiel. Fortuna Köln und ein Tag für die Ewigkeit. 2:0. Wie damals in Rotterdam. Meine Stadt im Fieber. Die meisten in Block U, die 1974 nicht am Micki-Radio Heinz-Florian Oertel gehört haben können, die aber nicht minder stolz auf ihren Verein und ihre Stadt sind wie ich damals. Magdeburg ist wieder wer. Die 2. Liga darf sich freuen. Und wer jetzt glaubt, mehr geht nicht mehr, dem sei diese Geschichte ein zweites Mal zum Lesen empfohlen.

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Der Autor Jens-Uwe Jahns ist Jahrgang 1960 und in Magdeburg-Neustadt geboren. Von 1991 bis 1995 war er  Chef des Magdeburger Generalanzeigers und von 1995 bis 2002 Lokalchef der Magdeburger Volksstimme. Seit 2002 ist er mit seinem Journalistenbüro cityPRESS freiberuflicher Journalist und arbeitet für verschiedene Medien. In Magdeburg ist er besonders durch seine Kolumne „Machdeburjer Kodderschnauze“ bekannt, die jeden Sonntag im Gebneralanzeiger erscheint.